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Am Feuer

Das Feuer raschelt, zischt, flammt auf in grün und blau, wild und verspielt. Ungefragt zeigt es seine Energie. Es ist heiß und wärmt sie. Sie kann es nicht spüren. Sie ist zu gefangen in ihrer Welt, in ihren Gedanken. So viel ist passiert, so Vieles hat sich verfangen in ihrem Kopf.

Wie gelähmt sitzt sie da, schaut in die Flammen, schaut zu ihren Füssen. Sie sieht den Boden mit den grauen Kieselsteinen, die, in der Dunkelheit und vom Feuer erhellt, wie kleine Augen aufblicken. Sie schauen sie an. Sie fühlt sich nicht gesehen, nicht wahrgenommen von ihrer Umwelt. Als ob es sie nicht gäbe. Als ob es nur ihre äusserer Schicht gäbe. Und ihr mitdenkendes, braves Gehirn. Als ob da keine Seele dahinter steckt, keine Gefühle, keine differenzierte Gedanken, die feiner und weiter gehen, keine Sehnsucht, die nach erkannt werden verlangt.

Ich weiss genau, wie sie fühlt. Sie ist ein Teil von mir. Gefangen im Dunkeln. Ich gehe zu ihr. Lege meinen kalten Hände auf ihre. Sie sind ganz warm. Ich kühle ihre Wangen, die glühen. Mit leerem Blick schaut sie mich an. Erkennt sie mich? Weiss sie, dass ich gekommen bin, sie zu holen und sie zurück ins Leben zu bringen?

Ich umarme sie. Lange. So lange, bis ich langsam zu spüren beginne, wie das Leben in sie zurückkehrt. Sie beginnt sich zart zu bewegen, kaum spürbar. Ihre Umarmung wird kräftiger, ihre Hände werden sicherer in der Berührung.

Ich löse mich aus der Umarmung und schaue sie an. „Erzähl‘ mir alles!“ sage ich zu ihr. Und sie beginnt zu erzählen.

 

November 2016

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